Die erste Tumor-OP

28.04.05 Tag der Aufnahme

Mami und ich fliegen morgens um 7 Uhr nach Hamburg. Dort fahren wir erst mal in ihr Hotel in der Rothenbaumchaussee und frühstücken nach Abgabe des Koffers. Dann geht es weiter nach Hamburg-Eppendorf in die Uniklinik zum Einchecken. Wir kennen uns ja auf dem Gelände schon aus. Die Neurochirurgie liegt ein Stück geradeaus und dann auf der linken Seite. Ein rotes Backsteingebäude.

Ich bin auf Station 3. Meine Zimmernachbarin, Ingrid, liegt schon eine ganze Weile hier. Sie soll heute wegen ihres Angioms operiert werden und ist schon ganz duselig. Dann klappt es allerdings doch nicht, und sie wird am nächsten Tag bereits entlassen.

Bei mir muss man an diesem Tag noch jede Menge Blut abnehmen und ein aktuelles MRT machen, da bin ich beschäftigt. Chirurg und Anästhesist kommen ebenfalls zum Gespräch vorbei. Natürlich erzähle ich dem Anästhesisten von den Schauergeschichten über Narkosen, die ich gehört habe: Dass man während einer OP aufwacht und bei Bewusstsein, aber gelähmt alles miterlebt. Oder dass man beim Einschlafen plötzlich keine Luft mehr kriegt. Er beruhigt mich und meint, so etwas sei höchstens bei einer Geburt möglich, wenn man die Mutter nicht allzu sehr narkotisieren kann. Bei der tiefen Narkose, wie ich sie bekommen werde, passiert so etwas nicht.

Abends gucke ich dann mit Ingrid fern, sie hat ihr eigenes kleines TV-Gerät da. Man kriegt allerdings nur wenige Programme rein.

Ab 22 Uhr darf ich dann nichts mehr essen und nur noch das Wasser für die Schlaftablette nehmen. Bin aber sowieso nicht besonders aufgeregt und schlafe normal.

29.04.05 Tag der OP

Um 7 Uhr ist Weckzeit und ich kriege noch ein paar Tabletten. Dann allerdings ist gar nicht klar, ob ich überhaupt gleich operiert werde, weil ein Notfall dazwischen kommt. Der Termin verschiebt sich ein wenig, aber dann soll ich doch die OP-Kleidung anziehen: Das offene Hemdchen und die lustige Netzunterwäsche. Und nur wenig später geht es schon ab, runter in den OP. Alles läuft viel zu schnell ab, um richtig Angst zu bekommen. Und die Narkose ist klasse: Man hält eine Maske über meine Nase, mir wird etwas schwindelig und – zack! Sendepause!

Auf der Intensivstation wache ich wieder auf – laut meiner Ma ca. 2,5 Stunden später. Sie hat sich natürlich schon reingeschmuggelt. Ich bin komplett verkabelt. Ein Sensor auf dem Finger, ein Zugang im Handrücken, ein zentraler Venenkatheter im Hals und ein Urinkatheter, Das ist alles sehr unbequem, man kann sich kaum drehen und wenden.

Als erstes spucke ich erst mal eine ganze Menge Blut. Wahrscheinlich ist es vom OP-Feld in den Magen gelaufen, der Magen verdaut aber kein Blut, deshalb wird es wieder heraus befördert (der Beweis: ich bin KEIN Vampir!).

Dann fällt mir ziemlich schnell auf, dass ich weder eine Tamponade in der Nase, noch eine Wunde im Oberschenkel habe. Die OP scheint sehr gut verlaufen zu sein.
Die Nacht auf der Intensivstation ist allerdings sehr anstrengend, ich schlafe nicht viel. Puls und Blutdruck sind sehr hoch. Und ich habe Kopfschmerzen. Dagegen bekomme ich irgendwas Tolles, das innerhalb von 2 Sekunden wirkt! Allerdings vertrage ich es nicht ganz so toll.

30.04.05 Der Tag danach

Am nächsten Morgen um 10 Uhr werde ich schon wieder auf meine Station verlegt. Eine Weile bin ich alleine, dann bekomme ich eine neue Zimmernachbarin. Meine Mutter bringt mir alles mögliche zu trinken, die Braunüle wird schon mal abgemacht, der ZVK bleibt bis zum nächsten Tag. Auf der Toilette muss ich die nächsten Tage eine separate Schüssel benutzen, die eingesammelt und gewogen wird, und gleichzeitig muss ich alles notieren, was ich trinken, damit der Wasserhaushalt kontrolliert werden kann.

Mein Chirurg hatte mich noch auf der Intensivstation besucht und bestätigt, dass die OP problemlos verlaufen war. Die Hypophyse konnte vom Tumor befreit werden, allerdings blieb ein Rest im Knochen zurück, da kamen sie nicht ran.

01.05.05 – 04.05.05

Ohne die Verkabelung kann ich viel besser schlafen. Für meine Nase kriege ich ganz offiziell Nasentropfen und eine tolle Creme, ich kriege also doch meistens gut Luft, das ist prima, davor hatte ich am meisten Angst!

Meine Mutter besucht mich jeden Tag mehrmals und schleppt mich jedesmal aus dem Bett, jedesmal ein Stück weiter weg. Erst nur in den Gang zur Lese-Ecke (wo wir ein ganz besonders schlechtes Thriller-Exemplar „aussetzen“), dann runter vors Haus auf die Bank. Schließlich in den Park gegenüber.

Zwischen den Besuchen tingelt sie durch Hamburg, ihre Lieblingsstadt. Zu Planten & Blomen, zum Hafen, zu LUSH und in diverse Schuhläden. In dieser Zeit schlafe ich, lese oder nutze meinen MP3-Player. Die 20GB zahlen sich nun wirklich aus: Ich kann stundenlang meine Lieblingssoundtracks hören oder mich von Dieter Nuhr unterhalten lassen.

Besuch von den hauseigenen Studenten bekomme ich auch. Sie sind alle ziemlich erstaunt, wie gut ich mich mit meiner Krankheit auskenne. Für sie ist es natürlich etwas sehr Seltenes.

Die Blutkontrolle ergibt, dass mein Kaliumspiegel etwas niedrig ist, weiter nichts. Die Schilddrüsenwerte sind etwas gesunken. Ansonsten bin ich perfekt in Schuss.

Am Mittwoch dürfen wir bereits wieder nach Hause fahren. Einen Flug kriegen wir nicht mehr, also sechs Stunden mit dem Zug. Das ist sehr anstrengend.

Wieder zu Hause stellt sich noch eine sehr schmerzhafte Gastritis ein, der Arzt in der Notaufnahme meint allerdings, das sei nach einer solchen OP nichts Ungewöhnliches. Mich nimmt es allerdings doch ziemlich mit. Erst danach kann ich anfangen, mich richtig zu erholen.

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