Die zweite und dritte Tumor-OP

Am 18.08.08 fliege ich ganz früh morgens nach Hamburg. Da das ein Tag zu früh ist, kann ich mit meiner Mutter und einer alten Freundin von ihr noch einen schönen Stadtbummelausflug machen.

Erst am nächsten Tag geht es dann ins Marienkrankenhaus zu den Voruntersuchungen. Ich werde auf der HNO-Station in einem 4-Bett-Zimmer mit sehr netten, lustigen Damen untergebracht. Sie sind alle zu irgendwelchen Naseneingriffen da. Die HNO-Ärzte haben bei der Voruntersuchgung beschlossen, dass sie auch für meine Nase etwas tun könnten, wenn sie ohnehin schon „drin“ sind. Die Nasenwand ist nach rechts ein wenig schief, und die Nasenmuscheln könnte man verschnurzeln, damit sie nicht immer anschwellen. Na gut, ich bin gespannt. Nach Jahrzehnten der Nasenspray-Abhängigkeit mal was anderes?

Auf einer HNO-Station kann man natürlich nicht schlafen, selbst wenn man Oropax dabei hat, weil Nasenversehrte einfach schreckliche Geräusche von sich geben. Aber ich war ziemlich müde und nicht sehr aufgeregt.

Am nächsten Morgen geht es um 8 Uhr zur OP. Meine Mutter sagt, es dauert 5 Stunden. Herr Dr. Lüdecke macht den Anfang, dann dürfen die HNO-Ärzte noch ran. Auf der Intensivstation wache ich dann auf. Mit Tamponade in der Nase und Blut im Magen, sodass ich erstmal wieder kräftig erbrechen muss.

Ja, und für alle, die sich eine OP der Nase überlegen: Diese Tamponade ist genauso schrecklich, wie man sich das vorstellt! Für einen Menschen wie mich, der abends ausstickt wie ein Junkie, wenn er keine Luft durch die Nase bekommt, war es ein wahr gewordener Alptraum! Irgendetwas sickert ständig raus, sobald man sich bewegt oder spricht. Schlafen kann man nicht, weil der Körper offenbar mit aller Macht darauf besteht, durch die Nase atmen zu wollen. Irgendwann schreckt man dann von den eigenen Grunz- und Presslufthammergeräuschen hoch. Es geht ja einfach nicht. Außerdem kommt jede Stunde die Schwester und leuchtet mir mit einer Taschenlampe in die Augen, das stört natürlich auch :o)

Dann sind die 24 Stunden vorbei, und ich komme zurück auf meine Station. Am gleichen Tag wird auch noch die Tamponade entfernt. Sehr eklig, man glaubt gar nicht, was da alles rauskommt. Für ca. 1 Minute kriege ich Luft, hurra! Dann schwillt die Nase blitzartig zu wie bei einer schweren Erkältung. Ich ahne, dass ich eine weitere Nacht ohne Luft verbringen werde. Nun sitzen wir alle mit Tüchern unter der Nase in unserem Zimmer, aber die Stimmung ist gut. Mami und Otthild bringen uns allen ein Eis vorbei.

Man bittet mich, falls klare Flüssigkeit aus der Nase laufen sollte, diese in einem Röhrchen aufzufangen, um auzuschließen, dass es speziell bei mir Gehirnflüssigkeit ist. Ich bin schon ein wenig misstrauisch, weil aus dem einen Nasenloch nur Blut, aus dem anderen aber tatsächlich nur Farblos rauskommt. Also sammle ich und gebe das Röhrchen ab. Das muss allerdings erst mal ins Labor, bevor man was sagen kann.

Als ich dann das erste Mal wieder zur Toilette gehe, passiert irgendetwas. Im Nachhinein weiß ich nicht, ob ich mich doof bewegt habe oder ob die Zeit einfach abgelaufen war, aber plötzlich habe ich so furchtbare Kopfschmerzen, dass mir sofort klar ist, etwas stimmt gewaltig nicht. Mit Kopfschmerzen in allen möglichen Varianten kenne ich mich bestens aus. Migräne-Attacken mit 24-Stunden-nonstop-Erbrechen. Migräne mit lustiger Aura. Spannungskopfschmerzen, bei denen man weder stehen, sitzen, noch liegen kann und am liebsten gegen die Wand rennen möchte. Oder diesen dumpfen Druckschädel bei Wetteränderungen, der tagelang anhalten kann.

Alles nichts gegen das, was da jetzt in meinem Kopf vorgeht! Die Ärzte geben mir erst mal Novalgin, aber es wird nicht besser. Sie kriegen mich nicht mehr von Bett hoch, ich jammere nur noch. Sofort wird Dr. Lüdecke angerufen. Er ordnet ein CT an (es ist 21.30 Uhr) und kommt persönlich vorbei. Das CT sagt, zum Glück keine Blutungen oder andere schlimme Sachen, aber jede Menge Luft im Schädel. Es muss ein Loch im Operationsfeld entstanden sein. Wahrscheinlich wird man noch mal reingehen müssen, um es zu stopfen.

Durch die gruseligen langen Tunnel des Krankenhauses komme ich wieder zurück auf die Station, werde allerdings in ein anderes Zimmer verlegt, das näher am Schwesternzimmer liegt, ein 2-Bett-Zimmer. Meine Zimmernachbarin tut mir Leid und die Schwester auch, denn irgendetwas ist nun in meinem Hirn so durcheinander, dass ich gut alle 20min Harn lassen muss. Da ich nicht aufstehen kann/darf wird das eine Nacht mit Bettpfanne. Kannte ich noch nicht, ist bestimmt sehr praktisch, aber unangenehm für alle Beteiligten allemal.

Inzwischen ist beschlossen worden, dass ich noch mal operiert werden muss. Zunächst soll noch ein MRT gemacht werden. Also am nächsten Morgen wieder ab in die Tunnel. Zum Glück ist meine Mutter dabei, ich bin jetzt echt am Ende, liege nur noch rum und zittere. Das Bett passt nicht rein in den MRT-Raum, drei Leute müssen mir die paar Schritte auf die Pritsche helfen. Mein Kopf tut immer noch furchtbar weh. Auch das MRT zeigt zum Glück nichts Schlimmeres als die Luft im Schädel.

Gegen 12 Uhr komme ich zum zweiten Mal in den OP, dann liege ich zum zweiten Mal 24 Stunden auf der Intensivstation. Das Loch wurde gefunden und gestopft. Diesmal hat Dr. Lüdecke neben Fett- auch Muskelgewebe aus meinem Bein benutzt, außerdem ein paar Plastikplättchen (vereinfacht ausgedrückt), das sollte halten! Natürlich muss nun eine Entzündung verhindert bzw. eingedämmt werden. Ich kriege ein Antibiotikum über eine Infusion und Cortisontabletten. Die Kopfschmerzen sind nicht mehr so schlimm, ich kriege Schmerzmittel, aber ich habe furchtbare Angst, mich aufzusetzen oder mich irgendwie wieder falsch zu bewegen.

Meine Zimmernachbarin ist inzwischen ihre Tamponade los, aber sie kriegt noch kaum Luft und schnarcht furchtbar. Bei mir wird die Luftzufuhr immer besser. Ich schlage mir die Nacht mit MP3s um die Ohren.
Ab jetzt kann ich anfangen, mich zu erholen. Ich kriege jeden Morgen die Infusion und nehme weiter Cortison, zum Glück ist mein Appetit absolut ungebremst und das Krankenhausessen schmeckt mir! Beim Aufsetzen im Bett habe ich zwar immer noch Angst, aber der Schädel dröhnt nur noch, er tut nicht mehr so weh.

Ich fange wieder an zu lesen, und kurze Zeit später habe ich keine Bücher mehr, sodass meine Mutter lostraben muss, um Nachschub zu beschaffen. Sie erwischt ein paar ganz furchtbare Thriller-Exemplare, die ich gut an einem Tag durchlese. Ganz am Schluss sitze ich mit Charlotte Link da, das ist ein echter Tiefpunkt!
Aber ich habe ja auch noch meinen Archos mit, den netten kleinen Mini-Computer. Vollgeladen mit allen TV-Serien, die ich gerne mag. Und Mahjong kann er auch. Das spielt allerdings hauptsächlich Mami.

Dann kommen Biljana und Dubranco zu Besuch! Biljana bringt mir natürlich etwas zu essen mit, sehr lecker, das nehme ich gerne! So richtig heimisch sind die Beiden in Hamburg nicht geworden, wir freuen uns über das Wiedersehen.

Jeden Morgen muss ich auch zu den HNO-Ärzten dackeln und die „Nasenpflege“ über mich ergehen lassen. Dabei stecken sie einem dünne Wattestreifen mit irgendeiner Betäubungsflüssigkeit in die Nasenlöcher, lassen das eine Weile einwirken und entfernen dann anschließend per Sauger Borken und Krusten. Ja, es ist genauso unangenehm, wie es klingt.

Ich frage vorsichtshalber noch mal nach meinem Nasentropfenproblem. Man hört ja Geschichten, dass die Schleimhaut eines langjährigen Nasenspray-Junkies sich ungefähr im gleichen Zustand befindet wie nach ausgiebigem Kokainkonsum. Die Ärzte lachen nur und meinen, im Grunde sei die Verwendung von Nasenspray ein ausgezeichnetes Gefäßtraining für die Nase. Na, wenn das so ist …

Wieder eine andere Zimmernachbarin, diesmal in meinem Alter, sehr nett. Der Arzt hatte ihr vorgekaukelt, sie könne vielleicht am Tag der OP noch abends wieder nach Hause gehen. Nach der OP meint er, dass er das entweder nie gesagt oder zumindest nicht so gemeint hat, sie muss bleiben. Erst am nächsten Tag lassen sie sie auf eigenes Risiko gehen. Bis dahin unterhalten wir uns prima!

Am Freitag darf ich nach Hause. Bis dahin kriege ich noch eine neue Zimmernachbarin, mit der aber nicht viel anzufangen ist. Sie hält sich beim Abendbrot ein Buch vors Gesicht, damit sie sich nicht unterhalten muss, vielleicht hat sie große Angst vor ihrer OP.

Herr Dr. Lüdecke war jeden Tag da, um nach mir zu sehen und zu erzählen, was er sonst noch so macht. Und auch die Schwestern und Pfleger haben sich sehr nett um mich gekümmert. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass es mein letzter Krankenhausbesuch in Hamburg war!

Diesmal stecke ich die OP nicht so leicht weg. Die nächsten Monate bin ich sehr schlapp und müde und habe oft Kopfschmerzen. Aber dann wird es wieder besser. Und die Nasen-OP hat sich definitiv gelohnt: Seit 7 Monaten habe ich keine Nasentropfen mehr genommen. Selbst bei Schnupfen schwillt meine Nase nicht mehr so zu, dass ich keine Luft mehr kriegen würde.

Schreibe einen Kommentar